Ehrlichkeit? – Wie Sie sicherer werden, authentisch zu sprechen

Heute wird es uns leicht gemacht, auf eine schier unbegrenzte Zahl an Informationen und Angeboten zuzugreifen. Seien es Mobilfunkverträge, Freizeitevents, Programme zur beruflichen oder persönlichen Weiterentwicklung und vieles mehr ─ wir können wählen. Doch statt Klarheit zu schaffen, steigt die Verwirrung. Fake News verstärken diesen Effekt umso mehr.

Wir fragen uns: Was ist wahr, welcher Quelle und wem kann ich trauen? Wofür soll ich mich entscheiden? Statt zufrieden mit einer Sache zu sein, stehen wir überfordert vor einem riesigen Berg an Möglichkeiten.

Angesichts dieser Tatsache suchen immer mehr Menschen nach Halt und Orientierung. “Ehrlichkeit” wird immer höher bewertet. Ehrlichkeit schafft Vertrauen und Klarheit. Dies haben auch viele Führungskräfte erkannt und den Wert “Ehrlichkeit” in ihr Unternehmensleitbild verankert.

Als Mensch sehnen wir uns nach ehrlichem Umgang. Wenn schon um uns herum vieles undurchsichtig geworden ist, so wollen wir wenigstens in unserem persönlichen Umfeld wissen, woran wir sind. Wir wollen ehrlich zu uns selbst sein, ehrlich aussprechen können, was uns wichtig ist und erwarten dies auch von unseren Mitmenschen.

Schön und gut. Doch in der Praxis tun wir uns oft schwer.

Stellen Sie sich nun einmal vor, dass eine Freundin oder ein Freund beziehungsweise eine Kollegin oder ein Kollege Sie um Ihre ehrliche Meinung zu einer Idee bittet. Sie mögen und schätzen diese Person, finden deren Idee jedoch absolut daneben. Was tun Sie?

Wenn es darum geht, offen und ehrlich zu sprechen, stellen sich viele von uns diese drei Fragen:

1. Woher kommt mein Impuls, etwas Bestimmtes zu sagen ─ oder: Wer spricht da?

Um dies zu beantworten, stellen Sie sich folgende Fragen:

– Will ich den anderen zurechtweisen?
– Will ich mich selbst in ein positives Licht rücken?
– Will ich vermeiden, dass der andere verletzt ist oder mich ablehnt?

Lautet die Antwort mindestens einmal “ja”, basiert dieser Impuls auf Ihrem Ego. Was will das Ego? Es will Sie in Ihrer Komfortzone halten. Es will, dass Sie am Ende gut dastehen ─ und zwar ohne großen Aufwand zu leisten und ohne ein großes Risiko einzugehen. Das Ego will verhindern, dass Sie sich weiterentwickeln. Echtes persönliches Wachstum beginnt jedoch außerhalb der Komfortzone! Da, wo es unbequem ist. Ja, ehrlich sein kann unbequem sein. Es kann sein, dass der andere Ihre Meinung nicht mag. Es kann sogar sein, dass der andere Sie deswegen ablehnt. Das Gefühl, welches hiermit einhergeht, beschreiben Menschen oft mit “unruhig” oder “beengend”.
Macht sich jedoch ein Gefühl der Ruhe und des Friedens in Ihnen breit, ist meist ein echter, innerer Impuls der Antrieb. Dieser echte, innere Impuls basiert auf Ihrem Bauchgefühl, Ihrer Intuition. Es ist die innere Weisheit, mit der wir alle ausgestattet sind und die wir so häufig überhören.
Wenn Sie sich also fragen, wer da spricht: Entspannen Sie sich. Horchen Sie in sich hinein.

Da es unbequem sein kann, wenn wir ehrlich sprechen, stellen wir uns häufig gleich die zweite Frage:

2. Ist es richtig, es zu sagen?

Wenn wir befürchten, dass wir anecken, vermeiden wir es häufig, das ehrliche Wort zu ergreifen. Wann ist es richtig zu schweigen, wann es ist richtig, sprechen? Hier heißt es, sensibel auf den anderen einzugehen. Empathie ist das Zauberwort. Empathie dem anderen sowie Ihnen selbst gegenüber. Stellen Sie sich folgende Fragen:

– In welcher Gemütsverfassung befindet sich der andere? Kann er oder sie die Wahrheit vertragen?
– Wie geht es mir, wenn ich es nicht sage? Werde ich es hinterher bereuen?
– Im Sinne des Großen und Ganzen: Dient es einem höheren Ziel, wenn ich ehrlich bin? Auch hier kann klar werden, dass eigentlich das Ego spricht und nicht die innere Weisheit.

3. Wie sage ich es?

Viele von uns haben es verlernt, authentisch zu sprechen. Sobald wir uns den Kopf zerbrechen und die passenden Worte zurechtlegen, geben wir dem Verstand das Ruder in die Hand. Wenn wir so sprechen, wirken unsere Worte oft hölzern und erreichen den anderen nicht.

Hier hilft es, sich ganz klar mit der Intuition, der inneren Weisheit also, zu verbinden. Das geht beispielsweise so: Suchen Sie sich einen stillen Ort und horchen Sie in sich hinein. Lassen Sie die Worte zu sich kommen. Sprechen Sie sie aus. Alles darf gesagt werden. Hören Sie sich selber zu. Wie kommt es bei Ihnen an? Glauben Sie Ihren Worten? Sprechen Sie immer weiter, lassen Sie alles raus, was gesagt werden will. Auch wenn sie wütend werden. Oder traurig. Vielleicht mögen Sie Ihre Worte auch aufzeichnen und hinterher anhören. Versetzen Sie sich in die Lage des anderen: Wie geht es Ihnen, wenn ein anderer auf diese Weise zu Ihnen spricht? Wichtig ist hier, dass Sie einfach drauflos sprechen. Ausformulierte und geschönte Worte wirken unehrlich und sind nicht authentisch. Seien Sie ehrlich. Sprechen Sie so, wie Sie sind.

Am Ende lassen Sie alles sacken. Dann gehen Sie zu dem anderen und sprechen Sie ─ aus Ihrem Bauch heraus. Bleiben Sie bei sich selbst. Seien Sie offen. Wenn Sie unsicher sind, ob sie die richtigen Worte finden, sagen Sie dies. Zeigen Sie sich verletzbar. Halten Sie Blickkontakt und bleiben Sie dennoch bei sich selbst. So schaffen Sie Verbindung. Sie werden merken, die richtigen Worte kommen zu Ihnen. Sprechen Sie nur, wenn Sie spüren, dass das, was Sie sagen wollen, aus Ihrer Intuition und nicht aus Ihrem Ego stammt.

 

Es kann sein, dass Sie noch ein wenig Übung benötigen. Üben Sie. Nutzen Sie jede Gelegenheit, zunächst aus sich selbst heraus zu sprechen, wenn Sie allein sind. Üben Sie es mit einer Person, der Sie vertrauen. Auch ein Coach kann Ihnen hier helfen. Schauen Sie sich selbst ganz offen an. Ehrlichkeit beginnt bei Ihnen selbst.

Sie werden ein Gespür dafür entwickeln, was wahr ist und was nicht. So schaffen Sie auch immer mehr Sicherheit in Ihren Entscheidungen.

Ehrlichkeit bringt uns eine klare Ausrichtung. Sie bietet uns Halt. Sie schafft Klarheit und Vertrauen. Wahre Ehrlichkeit basiert auf dem unerschütterlichen Boden der inneren Weisheit. In einer Welt, in der es immer mehr Ablenkung und Verwirrung gibt, wird es immer wichtiger, auf diesem Boden fest verankert zu sein. So können Sie sich an der Fülle der Möglichkeiten erfreuen und wachsen ─ und zugleich die Orientierung behalten.