Schultern und Sprüche klopfen: Darum spielen Führungskräfte in Meetings gern das “Statusspiel”

Wenn Alphatiere ihre Muskeln spielen lassen, kann das unbewusst, subtil oder auch mal peinlich vonstatten gehen. Was hinter den Machtcodes steckt und wie man am besten darauf reagiert, beschreibt Katharina Münk im Kapitel “Die Hierarchie und das Statusspiel” ihres neuen Buchs “Mal eben kurz den Chef retten” . Als ehemalige Chefsekretärin weiß Katharina Münk, wovon sie schreibt; heute ist Münk Bestsellerautorin von Sachbüchern und Romanen (“Und morgen bringe ich ihn um!”, “Die Insassen”) sowie unter dem Namen Petra Balzer als zertifizierter Personal Coach und Trainerin für Fach- und Führungskräfte tätig. “Mal eben kurz den Chef retten” handelt davon, was das neue, digital vibrierende Arbeitsleben mit den Führungskräften und deren “Managern” im Sekretariat macht. In Kooperation mit dem Campus-Verlag veröffentlicht XING Coaches folgenden Auszug.

Die Hierarchie und das Statusspiel

Wieso erscheinen uns manchmal gerade die uns anvertrauten Männer unter den Führungskräften wie vom anderen Stern? Es könnte daran liegen, dass sie die ganze Zeit ein Spiel spielen, dessen Regeln und Codes uns verborgen bleiben. Setzen wir uns doch einmal mit in den Sandkasten.
Das tun wir selten, denn wir betrachten das Verhalten anderer aus dem eigenen Blickwinkel heraus, und damit entstehen und trügerische Erwartungshaltungen. Unter Umständen beschweren wir uns über das „unmögliche“ Verhalten des Chefs, wenn dieser die Leute anblafft oder sie erst gar nicht beachtet. Unser Job ist immerhin geprägt vom „Miteinander“, von Konsens und Fairness. Das ist unser „Code“. Er dagegen hat zwar per se nichts gegen das „Miteinander“, doch seine Position bedingt in der einen oder anderen Situation eben auch das Zelebrieren von Distanz, damit er Alphatier im Hühnerhaufen bleibt. Es ist ein Ränkespiel.

Das bringt uns zunächst zum Thema Hierarchie. Eine Hierarchie ist zunächst nichts anderes als ein System von Elementen, die einander über- beziehungsweise untergeordnet sind. Wir kennen das aus der Mathematik, aus der Tierwelt – und aus den Unternehmen. Hierarchien haben Vorteile: Sie geben klare Abgrenzungen von Befugnissen vor, aufwendige Abstimmungsprozesse halten sich in Grenzen. Es sind Mechanismen zur Vermeidung von Konflikten und damit zur Vermeidung von Stress. Sie können durchaus effizient sein – wenn man mitspielt. So sehen nicht nur Männer das, sondern vor allem alle Verhaltensforscher. Es muss etwas Gutes daran sein, wenn sie in der Tierwelt so verbreitet genutzt werden: Bees do it, Affen, Hühner, Wölfe, Hirsche etc. kämpfen einmalig um das Futter oder um das Weibchen und fügen sich anschließend ohne großes Gezeter der Rangordnung.
 
Nehmen wir an, Sie wollen aus einem dringenden Grund kurz mit Ihrem Chef sprechen. Wenn aber zeitgleich Mitarbeiter im Büro Ihres Chefs sind, kann es sein, dass er vor versammelter Mannschaft nur ein „Jetzt nicht“ in Ihre Richtung raunt. Sehr „bossy“. Ohne Blickkontakt. Er mag vielleicht grundsätzlich sehr nett und kooperativ Ihnen gegenüber sein – aber eben nicht in dieser Situation. Sie haben ihn auf dem Spielfeld „Position zementieren“ erwischt. Hierarchie hat Vorrang, auch vor Inhalt. Wenn Sie einen Termin mit Ihrem Chef haben, um wichtige Dinge mit ihm durchzusprechen, und mittendrin platzen zwei seiner Kollegen in den Raum, um „mal vorbei zu schauen“, dann erwarten Sie nicht unbedingt, dass er sagt: „Oh, ich habe hier gerade ein Gespräch mit meiner Assistentin. Ich melde mich gleich bei Euch“. Nein, die Person, die wieder einmal das Feld relativ spontan räumen wird, sind wohl eher Sie: „Wir machen das später weiter.“ Ihre Termine mit ihm sind immer die ersten, die verschoben werden. Also zurück auf Los, auch wenn sich Ihr Ego gerade ziemlich mies behandelt vorkommt und Sie das unhöflich und arrogant finden. Die gute Nachricht: Es ist nur ein Spielzug. Ihre Position im Spiel ist kontextabhängig: Sind Sie gerade allein mit Ihrem Chef und haben seine ungeteilte Aufmerksamkeit sind Sie die Nummer 1. Sobald aber jemand Ranghöheres dazu kommt, ändert sich die Spielaufstellung, und Sie werden zur gefühlten Nummer 3.458. Wie im gut durchnummerierten Hühnerstall.

Ein Gefühl für die „Spielregeln“ bekommt man vor allem in Meetings, wo gleich mehrere Spielteilnehmer verbal wie nonverbal ihre Muskeln spielen lassen. Das kann unbewusst, kaum wahrnehmbar, subtil oder hochnotpeinlich vonstattengehen. Sie ahnen: Es ist nicht so, dass man die Mitarbeiter von zahlreichen Meetings verschonen müsste, sondern eigentlich sollte man die zahlreichen Meetings von den Mitarbeitern verschonen… Wir kennen das, wann immer wir dabei sind: In der ersten Viertelstunde sind die meisten Männer, die im Team etwa denselben Rang bekleiden, erst einmal damit beschäftigt, ihre Duftmarken zu setzen, ihre Position im Spiel zu sichern. Es kommt zu raumgreifenden Gesten, es werden Schultern geklopft, diskret das Äußere gecheckt, Sprüche gewagt und beherzt in die Selection-Keks-Mischung gegriffen – Verbreiten guter Laune und unverkrampfter Souveränität, egal wie kurz die Nacht oder wie schlecht der Tag bisher war. Es ist ein Ritual und bereits Teil des Spiels „Wer ist am besten drauf? Wer ist am entspanntesten?“ Wenn der Ranghöchste, vielleicht Ihr Chef, sich dann räuspert und ein „Dann wollen wir mal“ verlauten lässt, warten die anderen Spielteilnehmer erst einmal ab, bis er alle Antworten auf seine Fragen selbst gegeben hat. Dann beginnt das Spiel „Wer sagt zuerst etwas?“: „Ich denke, wir sollten da noch einmal den Chancen-Risiko-Blickwinkel reinbringen“ in Kombination mit einem bedeutungsschwangeren, aber nicht zu kritischen Blick ist stets eine beliebte Option, mit der man nicht allzu viel falsch machen kann. Wundern Sie sich auch nicht, dass sich Ihre Kollegen immer so breit machen im Meeting und in den Stühlen hängen wie Matt Dillon in Rauchende Colts. Es ist vielleicht gar keine Nachlässigkeit, sondern gezielt eingesetzte Spieltaktik. Auch Ihr Körper ist wichtiges Instrument im Statusspiel: Nahmen Sie die ganze Sitzfläche Ihres Stuhls ein. Sollte Ihr Stuhl Armlehmen haben, legen Sie Ihre Unterarme oder Ellbogen darauf. Breiten Sie sich auch ruhig etwas aus auf der Tischfläche, vor allem wenn Sie sowieso Protokoll schreiben. Mitspielen ist eine Alternative zum verschämten Distanzieren, zum Persönlichnehmen und zum Nervenzusammenbruch.

Sie möchten gerne weiterlesen? Das Buch “Mal eben kurz den Chef retten” von Katharina Münk ist im August 2017 im Campus-Verlag erschienen. Weitere Informationen hier: