Freunde bei der Arbeit

Privates und Berufliches sollen wir trennen, sagt der Volksmund. Keine Affären im Büro, keine engen Verbindungen zu Kollegen. Sonst verschwimmen die Grenzen: Freunde lenken sich während der Arbeit mit persönlichen Gesprächen ab, und in der Freizeit bringen sie sich um ihre Erholung und diskutieren über den Job. So weit die Theorie.

In der Wirklichkeit sieht es offenbar anders aus. Denn Freundschaften am Arbeitsplatz haben handfeste Vorteile. Und diese Vorteile wiegen insgesamt stärker als die Nachteile, sagen Psychologen um Jessica Methot von der Rutgers University in Piscataway. In einer aktuellen Studie untersuchten die Forscher den Einfluss von Bürobeziehungen auf die Leistung. Das Ergebnis liest sich wie eine Empfehlung, öfter mal mit den Kollegen ein Bier trinken zu gehen.

Methot und ihre Kollegen befragten 301 Mitarbeiter einer amerikanischen Versicherung. Jeder Teilnehmer erstellte zwei Listen. Auf der einen Liste notierten die Versicherungsleute die Namen von zehn Kollegen, mit denen der berufliche Austausch besonders eng war; auf die zweite Liste kamen zehn Angestellte, die sie auch nach Feierabend trafen. Je höher die Überschneidung, desto komplexer war das Beziehungsgeflecht eines Teilnehmers.

Wie die Auswertung zeigte, überzeugten eng vernetzte Angestellte ihre Vorgesetzten durch gute Leistungen. Der freundschaftliche Kontakt zu Kollegen ermöglichte diesen Versicherungsleuten einen besseren Zugriff auf Informationen und Unterstützung. Zudem hatten sie mehr Spaß bei der Arbeit als die anderen.

Zwar ist es mit einigem Aufwand verbunden, den Anforderungen als Arbeitnehmer und Freund gleichzeitig zu entsprechen. So klagten eng vernetzte Versicherungsleute besonders häufig über Erschöpfung.

Doch insgesamt überwogen die Vorteile die Nachteile. Eine Botschaft, die zumindest in den USA dem Zeitgeist entgegengesetzt ist: Hatte dort in den 1980er Jahren noch jeder Zweite einen engen Freund unter seinen Kollegen, ist es heute nur noch jeder Dritte.

Originalstudien:

– Jessica R. Methot u. a.: Are workplace friendships a mixed blessing? Exploring tradeoffs of multiplex relationships and their associations with job performance. Personnel Psychology, 69, 2016, 311–355. DOI: 10.1111/peps.12109

– Adam Grant: Friends at work? Not so much. New York Times, 4. September 2015, SR1

Quelle: Diese Veröffentlichung ist Teil einer Kooperation mit Beltz. Der Beitrag ist erschienen in der August-Ausgabe von PSYCHOLOGIE HEUTE, dem führenden deutschsprachigen Magazin für Psychologie, Soziologie, Philosophie, Biologie, Hirnforschung und Ethnologie. Titelthema: Die Harmonie-Lüge: Zu viel Einigkeit lähmt. Konflikte bringen uns weiter.

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